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Die Überlebensstrategien der Versicherungen – Allianz & Co.

Unternehmen, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen, sind schnell weg vom Fenster. Dass die großen Versicherungsunternehmen immer noch am Markt sind, hat nur wenig mit einer modernen Firmenpolitik zu tun. Denn in dieser Hinsicht hinken sie mächtig hinterher, wie eine Studie zeigte. Wem die eilig eingeleitete neue Taktik von Allianz & Co. wohl am ehesten nützt? Diese Frage sollte sich jeder (potentielle) Versicherungskunde stellen.

#86513423 | © gustavofrazao - Fotolia.com

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Versicherungskonzerne von Digitalisierung überfordert

Die Unternehmensberatung Accenture beschäftigt sich mit modernen Strategien und Technologien. Unter diesem Aspekt untersucht sie auch immer wieder den Stand in der Versicherungsbranche. Bereits 2013 hieß es bei Accenture, dass 60 Prozent der europäischen Versicherer zugeben, „derzeit noch keiner digitalen Strategie oder dieser nur limitiert auf einzelne Bereiche wie Vertriebs- oder Kundeninteraktionsprozesse zu folgen.“

Wenn man sich überlegt, dass bereits vor 2013 immer mehr Menschen digital unterwegs sind, haben die Versicherungsriesen hier eindeutig den Trend verschlafen.

Ein Jahr später ermittelte die Accenture bei den befragten Versicherern, dass sie in Sachen Digitalisierung durchschnittliche Investitionen von über 43 Millionen US-Dollar für die kommenden drei Jahre planen. Gleichzeitig vermisste sie immer noch eine klare strategische Planung. Etwa ein Drittel der Versicherungen beschränkte seine digitalen auf bereits vorhandene Vertriebs- und Kundenkontaktprozesse. Nicht einmal die Hälfte deckten damals mit ihrer digitalen Strategie sämtliche Bereich des Versicherungsgeschäfts ab. Hauptgrund dafür war offensichtlich die strukturelle Schwerfälligkeit und der Mangel an entsprechenden Fachleuten, die das Ganze umsetzen können.

Mich überrascht das nicht. Für mich sind die meisten der Versicherungskonzerne nichts anderes als riesige Behördenapparate. Mit moderner Geschäftsführung oder gar kundenfreundlicher Dienstleistung hat das nur sehr wenig zu tun. Das Ganze einmal aus Kundenperspektive zu betrachten oder echte Änderungen einzuführen, dazu ist der Apparat einfach zu schwerfällig und zu sehr auf sich selbst und seine eigene Bequemlichkeit konzentriert.

So wundert es nicht, dass auch die Accenture-Studie von 2015 keine größeren Fortschritte aufzeigt. Wie bei welt.online zu lesen war, sind die meisten Versicherer nach wie vor mit der Digitalisierung überfordert. Zwar würden sich die Anbieter um besseren Kundenkontakt bemühen, doch gerade mal 9 Prozent erreichen damit auch die Erwartungen der Kunden. Wenn bei unsereins in der Beurteilung stehen würde „hat sich bemüht“, würden wir garantiert den angestrebten Job nicht bekommen. Denn „sich bemühen“ ist die kleine Schwester von „versagen“.

Jüngere Kunden bevorzugen es flexibel und modern

Doch es ist nicht nur die digitale Welt, die den alteingesessenen Versicherungen zu schaffen macht. Tatsächlich ist es sogar unklar, ob so mancher Anbieter noch bis 2020 überleben wird. Denn vor allem jüngere Kunden können gut und gerne auf die „verstaubten“ Angebote und sogenannten Dienstleistungen verzichten. Es geht schon lange nicht mehr um den freundlichen „Herrn Kaiser“, der an der Tür klingelt oder darum, einer bestimmten Versicherung die Treue zu halten.

Viele Kunden nutzen lieber die Angebote der Online-Vergleichsportale und sind so nur wenige Mausklicks von der kostengünstigsten Police entfernt. Die Direktanbieter und wendigen Neuunternehmen sind meist nur im Internet vertreten und können ihre Produkte deshalb zu deutlich niedrigeren Preisen verkaufen. Außerdem sind sie frei von dem riesigen „Schwanz“, der an den behördlich organsierten Versicherungskonzernen hängt.

Ein weiteres Problem der seit Jahrzehnten bestehenden Versicherungsunternehmen sind die hohen Zinsversprechen, mit denen sie ihren Kunden die Lebensversicherungen verkauft haben. Der Niedrigzins macht es fast unmöglich, die Versprechen einzuhalten und das geht an die Substanz. Die neuen Unternehmen haben hier den großen Vorteil, dass sie frei von Altlasten sind.

Um das auszugleichen, verkauft der zweitgrößte deutsche Versicherer Ergo keine Produkte mehr mit festen Zinsversprechen. Es gibt nur noch solche ohne Garantie. Außerdem warf der Düsseldorfer Konzern Ballast über Bord, indem er sich von seiner italienischen „Filiale“ Ergo Italia trennte.

Allianz will mehr Gewinn

Zwar geht die Allianz (noch) nicht so weit. Doch der neue Chef Oliver Bäte plant dennoch weitreichend, ehrgeizig und aggressiv. Recht harmlos dabei ist noch die Ankündigung, dass die Allianz künftig vor allem Policen mit nur losen Zinsversprechen verkaufen will. Das soll die schwankenden Kapitalmärkte ausgleichen, heißt es. Doch in erster Linie geht es um die Gewinnsicherung für den Versicherungskonzern – daran gibt es für mich keinen Zweifel. Das zeigt sich meines Erachtens u.a. darin, dass Bäte mehr Freiheiten bei den Kapitalanlagen will. Da drücke ich mal allen Allianz-Kunden die Daumen, wenn die unbeweglichen und Börsen unerfahrenen Versicherungsleute anfangen zu spekulieren!

In meiner Meinung werde ich durch eine Äußerung des Allianz-Chefs vor Investoren bestärkt, die da lautete: „Wir brauchen mehr Gewinnmaschinen“. Damit ist wohl auch gemeint, dass der Konzern nicht wenige Übernahmen plant. Auf China hat Bäte schon ein gieriges Auge geworfen und will dort zusammen mit verschiedenen Partnern den Online-Versicherungsmarkt erobern.

Außerdem hieß es von Seiten des ehemaligen McKinsey-Beraters: „Wir waren mit Underperformern geduldig, zu geduldig.“ Was wohl nichts anderes heißt, als dass aufgeräumt werden soll mit Tochterfirmen im In- und Ausland. Ob sich die Aussage auch auf Mitarbeiter in den Unternehmen bezieht, ist nicht überliefert. Doch wenn ich Angestellter oder Versicherungsvertreter der Allianz wäre, würde ich mir entweder schleunigst einen anderen Job suchen oder anfangen, besonders aggressiv zu verkaufen. Ich hoffe für Sie, dass Sie als Kunde nicht auf letztere treffen und sich Versicherungen andrehen lassen, die Sie nicht brauchen und/oder die viel zu teuer sind.

Oliver Bäte ist zudem der Auffassung, dass die Allianz „in vielen Märkte zu klein“ sei. So sollen kleinere, aber dennoch Profit abwerfende Einheiten zusammengefasst werden, damit sie noch mehr Gewinne liefern – beispielsweise in Osteuropa oder Südamerika. Hängt ein Tochterunternehmen hinterher, muss es eben schauen, wo es bleibt oder wird zügig abgestoßen.

Es gibt nur einen echten Gewinner

Klar – so funktioniert das Ganze: Rentables wird ausgebaut, Unrentables hat ausgedient. Was das für Sie als Kunden bedeutet? So wie ich das sehe, geht’s sicherlich NICHT darum, Ihnen künftig genau die Versicherungsprodukte anzubieten, die am besten zu Ihnen passen. Sie werden sicherlich weiterhin NICHT ausführlich in Finanzdingen beraten. Nein – bei der Allianz und ihren Mitarbeitern wird es meiner Meinung nach auch mit neuer Taktik weiterhin hauptsächlich darum gehen, Gewinne für den Versicherungskonzern einzufahren – nur eben auf modernere Art und Weise.

Dazu zählt auch, dass die Digitalisierung innerhalb der Allianz vorangetrieben werden soll. Bätes erklärtes Ziel sind 5 Millionen neue Kunden und weitere 6,5 Milliarden Euro Beitragseinnahmen. Ob das jetzt noch mit einer verstärkt digitalen Dienstleistung erreicht werden kann oder der Zug dafür schon längst abgefahren ist – diese Frage können nur die Kunden beantworten.

Mit mehr Sympathien rechnen die Allianz-Chefs wohl, indem sie ihre Investitionen von der Kohleindustrie abziehen. Es gehe dabei um den Klimaschutz, wobei auch finanzielle Erwägungen eine Rolle spielen würden. Ich an Ihrer Stelle würde mir vor allem Letzteres merken, denn glauben Sie mir: Wenn die Chance bestünde, mit Kohle noch mehr Kohle zu machen, würde der Versicherungskonzern das garantiert nutzen.

Sollten Sie Allianz-Aktien besitzen, dürfen Sie sich möglicherweise freuen. Denn Bäte will den Aktiengewinn in den kommenden Jahren durchschnittlich um 5 Prozent steigern. Wenn das klappt, wäre eine Aktie im Jahr 2018 dann 16 Euro wert. Wesentlich mehr, als die Analysten bisher angenommen hatten. Sollte Bätes Vorhaben funktionieren, steigt auch der Gewinn, den die Aktionäre dann zur Hälfte abbekommen sollen. Doch mir geht es dabei wie den Börsenkursen: Mich beeindruckt das Ganze wenig! Ich werde mich künftig weiterhin auf meinen eigenen Menschenverstand verlassen, statt auf hochschweifende Pläne.

Wenn wir die großmündigen Ankündigungen vom November 2015 mit Stand im März 2016 vergleichen, hat sich zwar bei der Allianz einiges positiv entwickelt. Dennoch überzeugen die für 2016 angekündigten Zahlen die Marktbeobachter nicht und auch die vorgeschlagene Dividendenanhebung von 7,30 Euro pro Aktie bleibt unter den Erwartungen.

Wofür sich Oliver Bäte allerdings selbst auf die Schulter klopfen darf, sind die erzielten Vorstandsgehälter 2015. Er kassierte im vergangenen Jahr angenehme 7,05 Millionen Euro. Na – da haben wir doch wenigstens einen Gewinner bei der Geschichte.

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